Von Altlasten befreien.

Altlasten sind kleine fiese Biester. Wir alle kennen sie. Hirngespinste, die immer genau dann auftauchen, wenn man gerade alleine und traurig ist oder einfach zu viel Zeit zum Nachdenken hat.
Glücklicherweise gelangt man irgendwann an einen Punkt, an dem man sich überwindet, loszulassen.

Diejenigen von euch, die mir schon länger auf Instagram folgen, werden sich vielleicht daran erinnern, dass ich mich am Anfang des Jahres in einer Situation befand, die mich völlig aus der Bahn geworfen und mich wochenlang blockiert hat. Mehr konnte und wollte ich damals nicht darüber sagen.
Ich war noch nicht bereit dazu.
Aber ich habe versprochen, dass ich euch aufklären werde.
Einen ersten Versuch habe ich bereits im Februar unternommen. Ich habe mich also hingesetzt, bin in mich gegangen und habe angefangen zu schreiben. Ich habe viel geschrieben. Einen ganzen Beitrag um genau zu sein. Diesen Beitrag wollte ich auf Instagram posten, weil meine Website zu dem Zeitpunkt noch nicht existierte.
Doch dazu kam es nicht.
Ich saß eine ganze Weile da, mit meinem Handy in der Hand und hätte nur noch auf „teilen“ klicken brauchen.
Ich war noch nicht bereit.
Ich war noch nicht bereit, damit abzuschließen.
Ich war noch nicht bereit, es öffentlich zu machen.

Ich habe den Text also gespeichert und mir vorgenommen, dass ich mein Versprechen ein anderes Mal einhalten werde.

Mittlerweile sind fast 9 Monate vergangen. Es geht mir wieder gut. Sehr gut sogar. Mittlerweile kann ich darüber sprechen bzw. schreiben, ohne direkt in Tränen auszubrechen. Ich bin darüber hinweg.

(Original-Text vom 27. Februar 2016)

„Es ist an der Zeit, dass ich euch erkläre, was mich seit ein paar Wochen so sehr beschäftigt. Es ist ein Thema, das zwar nicht alltäglich ist, aber trotzdem jeden von uns betreffen könnte.

Es geht um Folgendes:
Ich wurde an meinem Arbeitsplatz seit über 6 Monaten von meinem Vorgesetzten sexuell belästigt. Was genau vorgefallen ist, möchte ich nicht sagen, aber von der Polizei wurde es als sexuelle Nötigung eingestuft, damit ihr eine grobe Vorstellung habt.
Ihr fragt euch sicher, wieso ich das so lange habe über mich ergehen lassen. Eine berechtigte Frage. Wenn man selbst nie in einer solchen Situation war, kann man das natürlich schwer nachvollziehen.
Ich kann euch darauf auch nur die Antwort geben, die ich schon der Polizei, meinem Arzt und dem Rechtsanwalt gegeben habe: Ich dachte immer, dass ich die einzige Betroffene bin und hatte einfach große Angst, etwas zu sagen oder zu machen und ich war auch nicht in der Lage dazu. Ich fühlte mich ohnmächtig. Natürlich habe ich hin und wieder darüber nachgedacht, mit jemandem zu sprechen. Aber dann habe ich mir jedes mal ausgemalt, wie es wäre, wenn man mir nicht glaubt. Thema erledigt.
Vor ein paar Wochen habe ich dann durch Zufall herausgefunden, dass noch weitere Kolleginnen betroffen sind. Wir haben beschlossen, dass wir gemeinsam zu unserem Geschäftsführer gehen und ihn über den Sachverhalt informieren.
Leider wurde uns schnell klar, dass wir von ihm keinerlei Verständnis für unsere Situation bekommen und er ganz offensichtlich auf der Seite unseres Peinigers war.
Natürlich haben wir dann bei der Polizei Anzeige erstattet und die IHK informiert (denn auch Auszubildende sind betroffen).
Mittlerweile sind wir 7 Frauen, die gegen ihn aussagen werden sowie ein männlicher Zeuge.

Ich konnte aufgrund der psychischen Folgebelastungen (Schlafmangel, Angstzustände, Antriebslosigkeit) seit vier Wochen nicht mehr arbeiten gehen. Denn nicht nur die Angst vor meinem Vorgesetzten, sondern auch das verlorene Vertrauen in den Geschäftsführer und Kollegen haben mir zu schaffen gemacht. Allerdings habe ich die Zeit genutzt, um mir arbeitsrechtlichen Beistand von einem Anwalt zu holen, damit mir und meinen Kolleginnen so etwas nie mehr passieren kann!

Am Montag ist es soweit… Ich werde ins Büro zurückkehren. Mein Vorgesetzter ist bis auf Weiteres von der Arbeit freigestellt. Mit ihm brauche ich also zum Glück nicht rechnen. Dennoch bin ich sehr angespannt. Wird der Geschäftsführer sich zu der Sache äußern? Hat er bisher nämlich noch nicht! Wie werden die unbeteiligten Kolleginnen und Kollegen auf meine Rückkehr reagieren? Wie ist das Arbeitsklima? Denn mittlerweile wissen natürlich alle Bescheid.

Ich hoffe, dass sich das alles irgendwie einrenken wird, denn sonst werde ich dort nicht mehr arbeiten können. Aber ich möchte es zumindest versuchen und abwarten, was passiert.
Mittlerweile bereue ich es wirklich, dass ich nicht schon früher den Mund aufgemacht habe, denn dann hätte ich einiges Verhindern können.

Jetzt wisst ihr Bescheid und ihr ahnt gar nicht, wie befreiend das für mich ist. Ich habe euch so wahnsinnig lieb gewonnen und deshalb ist es mir wichtig, dass ich nicht nur die schönen Dinge im Leben mit euch teile, sondern auch die traurigen. Gemeinsam sind wir stark!

Vielleicht als Tipp an alle (auch wenn ich hoffe, dass euch sowas niemals passiert): „Wehrt euch! Lasst niemals etwas zu, was ihr nicht möchtet! Geht zu Jemandem, dem ihr vertraut (z. B. Familie oder Freunde), schweigt nicht, sondern sprecht aus, was passiert ist. Schaltet ggf. die Polizei und einen Anwalt ein oder wendet euch an öffentliche Hilfestellen und redet, wenn nötig, mit einem Arzt, da die Psychische Belastung sich auch auf die körperliche Befindlichkeit auswirken kann. Und denkt immer daran… ihr seid niemals alleine!“

Seitdem hat sich einiges getan.
Ich habe also kurz nach dem Verfassen des Textes wieder angefangen  dort zu arbeiten. Aber nur eine Woche. Und es war keine schöne Woche. Ich habe mich unwohl gefühlt. Die Kollegen in meiner Abteilung haben zwar nicht ein Wort über das Geschehene verloren aber ich habe die ständigen Blicke förmlich gespürt.
Mein Vorgesetzter war nicht vor Ort, doch er war allgegenwärtig. Er hat ständig mit einem Kollegen telefoniert, was bei mir jedes Mal ein ungutes Gefühl in der Magengegend ausgelöst hat.
Und auch der Geschäftsführer hat zu meinem Unwohlsein beigetragen. Er hat mich ständig zu sich ins Büro zitiert und mit mir darüber gesprochen, dass mein Vorgesetzter ganz bald wieder ins Büro zurückkehren wird und dass ICH mir mal Gedanken machen soll, was zu unternehmen ist, damit ich damit klarkomme (räumliche Trennung, Kontaktverbot etc.). Mir war natürlich klar, dass das in jeder Hinsicht für mich absolut inakzeptabel ist, deshalb habe ich nach genau 5 Tagen den Entschluss gefasst, dass ich in diesem Unternehmen unter keinen Umständen weiter arbeiten kann.
Ich habe mich mit Hilfe meines Anwalts kündigen und bis zum Eintritt der Kündigung von der Arbeit freistellen lassen.

So hatte ich genug Zeit, um mir eine neue Stelle zu suchen. Und ich bin recht schnell fündig geworden.

Einige Wochen später wurde ich von der Staatsanwaltschaft als Zeugin zur Gerichtsverhandlung geladen. Ich hatte große Angst davor, meinen ehemaligen Vorgesetzten bei der Verhandlung wiederzusehen. Völlig unbegründet, wie sich herausstellte, denn der Herr ließ sich nicht blicken. Nicht mal sein Anwalt ist aufgetaucht. Ich war irgendwie erleichtert, aber es hat mich gleichzeitig unheimlich geärgert.
Wie ich etwas später durch meinen Anwalt erfahren habe, kam es zu einem neuen Gerichtstermin. Allerdings wurde unsere Aussage hier scheinbar nicht mehr benötigt. Auch über den Ausgang wurde ich bisher noch nicht informiert. Ist er dort überhaupt aufgetaucht?
Mir ist es mittlerweile ganz recht, dass ich nicht mehr so häufig damit konfrontiert werde, denn jeder Brief, der vom Gericht oder von meinem Anwalt bei mir ankam, hat mich immer wieder aufs neue aufgewühlt.
Ich hatte mein Ziel längst erreicht. Ich habe mein Schweigen gebrochen und dem ganzen ein Ende gesetzt. Nur so konnte ich, gemeinsam mit meinen Kolleginnen, unsere Nachfolgerinnen vor dem gleichen Schicksal bewahren.
Mehr wollte ich gar nicht.
Alles weitere liegt jetzt in den Händen der Justiz.

Vor kurzem habe ich Kontakt mit einer ehemaligen Kollegin gehabt. Sie hat mir gesagt, dass mein ehemaliger Vorgesetzter bis heute wohl keinen Fuß mehr in das Bürogebäude setzen durfte und es bisher auch nicht danach aussieht, dass sich das bald ändern würde. Das bestätigt mich in der Annahme, dass wir das Richtige gemacht haben, auch wenn es uns unglaublich viel Überwindung gekostet hat.

 

 

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Oh wow wie krass, du Arme!
    Ich bin froh, dass du dann doch darüber geredet hast. Es gibt Menschen, die tragen so etwas lebenslang mit sich herum, ohne dass jemand davon weiß…

    Unfassbar, zu was manche Menschen fähig sind, es ekelt mich richtig an.
    Aber ich finde gut, dass du gemeinsam mit den anderen Frauen etwas getan hast. Dass ihr nicht still eingeknickt seid und einfach so den Arbeitsplatz gewechselt habt.

    Und am meisten freut es mich immer zu lesen, dass dir dein neuer Job Spaß macht und du darin vollkommen aufgehst… jetzt sogar noch mehr 😉

    Liebe Grüße
    Anne

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